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Wenn’s etwas mehr sein darf

  • 26. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Test IVECO eDaily, einzigartiger E-Antrieb, verblüffende Leistung.


Darf’s etwas mehr sein? Der IVECO eDaily passt zur klassischen Frage an der Wursttheke. Und um die Wurst geht’s schließlich auch beim Elektroantrieb für Transporter. Beim eDaily gibt’s vor allem etwas mehr Lkw-Technik. Wer vom IVECO Daily die Eigenschaften eines Otto-Normal-Transporters erwartet, liegt falsch. Der einzige selbstentwickelte Transporter eines Lkw-Herstellers fährt technisch auf eigener Route, zB mit einem tragenden Chassis für den Kastenwagen. Für automobile Feinschmecker archaisch, für Lkw-Kenner normal. Pragmatismus beweist auch der elektrisch angetriebene eDaily mit Zentralmotor vor der herkömmlichen angetriebenen Hinterachse – macht kein anderer. Ein stämmiger und handfester Transporter der Arbeiterklasse also, der als 3,5-Tonner zusätzlich 3,5 t zieht, ohne Einschränkung beim Gesamtzuggewicht.


Silberner Iveco-Transporter vor einem Gebäude mit "Wareneingang"-Schild. Müllcontainer daneben. Industrieller Hintergrund, ruhige Szene.

Der Stromer fährt hier als eDaily 35S 14E V und 3520L H2 vor. Hinter dem Gewimmel aus Buchstaben und Zahlen steckt ein 3,5-Tonner in leichter S-Ausführung mit 140 kW Leistung, 3.520 mm Radstand, langem Überhang und Hochdach – macht 6 m Länge, einen fabelhaft kleinen Wendekreis und mit großzügiger IVECO-Kalkulation 12 m³ Laderaum. Der liegt leer fast 700 mm über der Straße, Folge der Chassis-Bauweise und strammer Federn, danke also für Trittstufe und Haltegriffe. Das Frachtabteil wirkt eher lässig gearbeitet, glänzt aber mit verdeckt verlegten Kabeln. Stichwort Höhe: Beladen sinkt die Bodenfreiheit unter den seitlichen Schutzkufen der Akkus auf 180 mm, also Vorsicht bei Rampen.


Die Batteriebestückung des Testwagens setzt sich aus zwei Paketen à 37 kWh brutto zusammen. IVECO bietet auch ein einzelnes Paket an, ein Fall für die City und Päckchenverteiler mit kleiner Tagesstrecke. Die technisch mögliche Variante mit drei Paketen steht aus Gewichtsgründen nicht auf der Speisekarte. Beachtlich: Der eDaily nutzt 95 % seiner Batteriekapazität, also 70 kWh. Abgesichert durch eine beruhigende Garantie über 250.000 km auf 80 % der Kapazität.


Transporter mit offener Tür, Holzbox im Laderaum, beschriftet mit IVECO. Herbstliche Bäume im Hintergrund, asphaltierter Parkplatz.

In Testausführung schultert der eDaily mit Anhängerkupplung, verkleidetem Laderaum, Doppel-Beifahrersitzbank und ein paar Annehmlichkeiten knapp 700 kg Fahrer und Fracht. Nicht üppig, aber üblich für E-Transporter dieser Tonnage. Ausweg wäre der Griff zum 3,8-Tonner, sofern es der Führerschein hergibt und Verkehrsbeschränkungen nicht stören. Reserven für Überlast bieten bereits die hohen Achslasten.


Trotz handfester Technik gab sich der Testwagen indes anfangs kapriziös. Er verweigerte anfangs die Nahrungsaufnahme, das Aufladen der Batterie, ob an der Ladesäule oder der heimischen Wallbox. Das lag zunächst an einer technischen Einstellung, es folgte eine nicht zu ortende Widerborstigkeit – bis plötzlich alles wie am Schnürchen klappte, genauer gesagt am Ladekabel. Zwischen Himmel und Erde oder Ladesäule und Transporter geschehen mitunter merkwürdige Dinge. Wie vorgesehen schluckte der E-Transporter im Ladepark in aller Ruhe mit maximal 80 kW. Was IVECO so Schnellladen nennt, das ist eher gemächlich.


Vergessen, ab hinter das Lenkrad. Der Fahrerplatz liegt hoch, das Cockpit hat optisch Schwung, die Materialqualität ist angemessen, die Rückwand freundlich und isolierend verkleidet. Der Fahrer sitzt bequem, etwas mehr Längsverstellung wäre entgegenkommend. Große Außenspiegel, reichlich Ablagen bis hin zur üppigen Sitztruhe auf der Beifahrerseite, gut so. Da zeigt sich: Auch ein eDaily ist ein echter Daily. Die digitalen Armaturen lassen sich konfigurieren und ordentlich ablesen, sie verteilen sogar Komplimente für Wohlverhalten am Steuer. Jedoch nervt die verästelte Bedienung des mittigen Displays, da der Bordrechner nach jedem Start mühsam aus den digitalen Tiefen ausgebuddelt werden muss. Ärgerthema beim Testwagen: Die übermäßige Tachovoreilung über den gesamten Geschwindigkeitsbereich führte zu lästigen Warnungen nach jeder Tempobegrenzung. Ohnehin neigt der eDaily zu Alarmismus, gibt etwa aufgeregt Laut beim doppelspurigen Abbiegen vor Verkehr nebenan, und der Rückfahr-Notbremser reagiert mitunter schreckhaft. Auch mit der Verkehrsschilderkennung hat’s der eDaily nicht so. Mit all dem ist er nicht allein – moderne Zeiten im Transporter-Klassiker.


Elektronisches Kombiinstrument eines Autos, zeigt Geschwindigkeit 0 km/h, Fahrmodus, Temperaturen und Verbrauch. Lenkrad teils sichtbar.

Und der einzigartige Antrieb? Es gibt per Tastendruck drei Fahrmodi: 90 kW, 115 kW und 140 kW. Beim Start wählt der eDaily stets die mittlere Variante, ebenso für die Rekuperation. Damit fährt sich’s selbst beladen und an Steigungen angenehm, ist der eDaily doch mit seinem etwas wankelmütigen Fahrwerk weder Rennpferd noch Kurvenkratzer, sondern im Idealfall majestätisch-gelassen und freundlich mit dem Vorderwagen nickend unterwegs. Auf schlechten Pisten bebt dann der Aufbau, mag sein aus Zorn über vernachlässigte Straßen. Ist Volldampf gefragt, reicht im Unterschied zu E-Transporter-Kollegen nicht der Tritt aufs Fahrpedal, jetzt muss per Taste die Powerstufe her. Dann wird der Daily – hoho, Vorsicht Wortspiel – plötzlich zum Sprinter.


Die Grundeinstellung verhindert somit Beschleunigungsorgien und begrenzt den Stromverbrauch. Der fiel beladen auf der Testrunde mit 29,1 bis 40,8 kWh auf 100 km und einem Schnitt von 35,6 kWh nicht eben niedrig aus. Auch an dieser Stelle darf’s also etwas mehr sein. Jedoch kämpfte der hochaufgeschossene Testwagen zeitweilig mit schwerem Wetter. Ein eDaily als kerniger Truck muss wie seine Besatzung in dieser Branche auch dann raus, wenn andere sich in der Garage oder am Ofen wärmen. Es darf eben immer etwas mehr sein, gern auch Arbeit und Anstrengung.



Fahrleistungen und Messwerte

Beschleunigung:

0–50 km/h 4,7 s


0–80 km/h 9,4 s


0–100 km/h 13,6

Elastizität:

60–80 km/h (Kickdown) 4,4 s


60–100 km/h (Kickdown) 8,4


80–120 km/h (Kickdown) 12,2

Höchstgeschwindigkeit:

127 km/h

Innengeräusche:


Stand/50/80/100 km/h

–/57/65/68dB(A)

Höchstgeschwindigkeit

71 dB(A)

Kraftstoffverbrauch:


Normverbrauch WLTP komb.

33,6 kWh

CO2-Emission komb.

0 g/km

Teststrecke beladen

35,6 kWh/100 km

Testverbrauch min./max.

29,1–40,8 kWh/100 km


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