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Samtpfote


Mercedes-Benz Vito

Sie sind ja häufig eher raue Kerle, die Transporter. So kernig wie ihre Nutzer, so handfest wie deren Jobs. Doch auch in dieser Szenerie finden sich überraschend sanfte Varianten. Siehe Mercedes Vito. Da rechnet der Käufer eben noch mit spitzem Stift an der Nutzlast, überprüft die Millimetermaße der Türen, kalkuliert Rad-stände sowie Kubikmeter des Frachtabteils, blättert sich durch die füllige Preisliste voller Extras. Doch Autos muss man fahren. Bitte einsteigen, satt schließt die Tür. Und schon bewegt sich der Vito-Fahrer in einer anderen Welt. In der Mer-cedes-Welt, auf einem anderen Stern. Es geht leise zu und sanft, von der rauen Außenwelt und der Straße entkoppelt. Und das in einem nüchternen Kastenwagen.


Bereits beim Start hält sich der Diesel so dezent im Hintergrund, wie es sich für bedrängte Verbrenner in der Defensive gehört. Dabei bleibt es auch unterwegs, selbst wenn der Fahrer die Maschine zwischendurch auf steilen Landstraßen hochjubeln lässt. Die Nenndrehzahl liegt mit 4200 Touren weit oben, bei etwa 4800 Touren setzt der Begrenzer ein. Muss man nicht haben, auch nicht hier im Vito 114 CDI mit Hinterradantrieb, mit 100 kW (136 PS) Leistung und 330 Nm Drehmoment. Geht aber. Genauso wenig stören den Motor Niedrigstdrehzahlen so um 1200, 1300 Umdrehungen. Er läuft dann vielleicht einen Hauch rauer. Aber zieht geduldig, schließlich steht das volle Drehmoment zwischen 1100 und 2400 Touren an, also fast immer. Die Strecke im Großraum Stuttgart führt in der Nähe von Schorndorf vorbei, Geburtsort von Gottlieb Daimler. Er suchte stets Anwendungsfälle für seine Triebwerke, erfand dabei Motorrad, Motorboot, Auto und Lkw. Dieser Motor hätte ihm gefallen.


Vom ebenfalls neuen Diesel für den Vito mit Frontantrieb spricht man in Stuttgart dagegen wenig, der kompakte Motor mit 1,75 Litern trägt zwar das Mercedes-Kürzel OM 622, ist jedoch eine Ableitung des Renault R9N. Umso mehr ist vom Mercedes OM 654 die Rede, der hier im 114er arbeitet. Der Zweiliter ist ein hoch anerkanntes Triebwerk. Mit leichtem Aluminiumblock und stabilen Stahlkolben, mit Ausgleichswellen und verringerter Reibung sowie einer zweistufigen Aufladung. Seine Laufkultur scheut keinen Vergleich, vor allem nicht zum raubeinigen Vorgänger. Zu haben ist er in drei Leistungsstufen (siehe Tabelle). Als Tourer und Mixto mit Pkw-Zulassung kommt sogar eine Performance-Variante (176 kW/239 PS) hinzu. Da die Straße soeben eine Kläranlage berührt: Im Vito sind gleich mehrere dieser Anlagen an Bord, gekühlte Hoch- und Niederdruck-Abgasrückführung, Oxidationskatalysator, Partikelfilter und sogar zwei SCR-Katalysatoren. Im Bauch des Transporters schwappen jetzt 24 Liter Adblue, das reicht weit. Der Motor erfüllt Euro 6d-Temp. Weniger darf nicht sein, Euro 6d wäre noch sauberer gewesen.


Ebenso geschmeidig wie das Triebwerk arbeitet die damit verbundene Neungang-Wandlerautomatik. Die flinken Schaltungen sind allenfalls am Drehzahlmesser zu erkennen und an der Änderung des Motorgeräuschs. Schaltrucke lassen sich nicht mal provozieren. Zwei Fahrprogramme gibt es und zusätzlich Schaltpaddel für manuelle Eingriffe, doch ein sensibler Gasfuß genügt fast immer. Vorteil von neun Gängen ist eine enorm weite Spreizung von einer bissig-kurzen Stufe fürs Anfahren am Berg bis zum gelassenen Rollen im höchsten Gang auf Fernstraßen. Macht hier bei Tempo 100 läppische 1500 Touren. Das senkt Geräusch, Verbrauch und damit die Emissionen. Und zwischendrin decken die übrigen sieben Fahrstufen dicht an dicht alle Geschwindigkeitsbereiche ab.


Mercedes setzt klar auf die feine Automatik, mit Ausnahme des Vito 116 CDI gibt es den Transporter mit Hinterradantrieb nicht mehr mit Schaltgetriebe. Angeblich wünschen es die Käufer so, dann wär’s gut. Vielleicht will sich die Marke aber nur umfangreiche und teure Emissionsmessungen für viele Varianten sparen, das wäre weniger gut. Jedenfalls erhöht sich mit der Automatik die Rechnung um netto knapp 2900 Euro wie am 116er Vito deutlich wird – viel Geld, aber es ist gut angelegt.


Passend zum Antrieb hat Mercedes das Fahrwerk abgestimmt. Mit reichlich Fracht im Heck gleitet der Vito in Langausführung samtig über die Straße, filtert Unebenheiten souverän. Steckt etwa die neue Luftfeder dahinter? Irrtum, die gibt es nur für die Pkw-Varianten, hier sind Schraubenfedern am Werk. Aber auch sie packen den Vito fast in Watte. Ergänzt von der elektromechanischen Lenkung, die bei aller Präzision vor lauter Leichtgängigkeit und Komfort schon den Fahrbahnkontakt vermissen lässt. Und auch der komfortable Fahrersitz gehört zum Bild des wattigen Komforts, er hüllt den Lenker bequem und doch zupackend mit Seitenhalt ein. Das ist Mercedes: Man fährt nicht, man wird gefahren. Nur für die letzte Moderne hat’s bei der Überarbeitung nicht gereicht, das feine Infotainmentsystem MBUX ist für den Vito nicht zu haben, es gibt nur neue Radios.


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