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Meine Freunde nennen mich Bulli

Aktualisiert: 5. Jan. 2020

Test: VW Transporter T6.1. Überraschend sparsam, erstaunlich kräftig und gleichzeitig sauber - der jüngst zum T6.1 aufgewertete VW Transporter ist ein Denkmal, aber keineswegs verwittert - im Gegenteil.


Laderaum wie gehabt, jetzt allerdings mit LED erleuchtet. Dach- und Seitenverkleidung sind Serie, der stabile Bodenbelag kostet extra.


Offiziell heißt er Transporter, so steht’s auf der Heckklappe und nun auch vorne auf der neuen Plakette gleich hinter dem Scheinwerfer. Sie zieht sich dort wie ein Eyeliner auf dem Weg zum Seitenblinker entlang. Der VW ist der einzige Transporter, der Transporter heißt, schließlich gilt er als Erfinder dieser Klasse. Seine Freunde nennen ihn Bulli. Und wer 80 Euro springen lässt oder den Transporterverkäufer freundlich überzeugt, der bekommt das entsprechende Signet für seinen Transporter. Es geht schließlich um eine „Ikone, neuester Stand“, wie VW betont. Dann soll die Ikone mal zeigen, warum sie eine Ikone ist.


Also fix eine Palette mit 22 Säcken à 40 Kilo Beton-Estrich hineinschieben und verzurren. Der Anlasser wirft den Diesel des T6.1 fast schockartig an. Hinausbeschleunigen auf die Strecke, hinein in die erste Steigung. Der Vierzylinder unter der kurzen Motorhaube ackert, krempelt die Ärmel hoch. Wahrscheinlich treten jetzt vor Anstrengung Einspritzleitungen wie dicke Adern hervor. Der Klang erinnert an eine Kreuzung aus Bruce Springsteen und Gianna Nannini. Heiser, rau und kräftig. Klingt nach Stiefeln, Jeans und großkariertem Hemd. Bestimmt rinnen jetzt ein paar Schweißtropfen am Motor-block hinunter. Und das alles stemmt ein kompakten Zweiliter-Vierzylinder mit 110 PS Leistung und 250 Nm Drehmoment. Also sehr normal – und doch unnormal stark.


Ob Springsteen, Nannini oder der VW Transporter, alle drei sind – Verzeihung – nicht mehr die jüngsten. Aber unverdrossen gehen sie ihrem Job nach. Professionell, leidenschaftlich und mit Reife und Souveränität, erfahrene Könner eben. VW hat dem T6 auf dem Weg zum T6.1 ein frisches Hemd übergeworfen: neue Scheinwerfer, daran angedockt die Plakette mit der Baureihenbezeichnung wie ein Eyeliner, eine zweite Chromleiste, dazu ein größerer Lufteinlass. Der Stoßfänger macht auf dicke Backen. Das alles sieht gefällig, schlüssig und alterslos aus, VW eben. Oder Springsteen und Nannini. Ein paar Falten stören die Fans nicht.

Den laut seinen Daten so harmlosen rauen Vierzylinder hinter der neuen Nase haben die Entwickler richtig gut hinbekommen. Sauber ist er nach Euro 6d-Temp, zeigt einen verblüffend spontanen und bissigen Antritt. Das maximale Drehmoment steht früh an und bleibt konstant fast bis zur niedrigen Nenndrehzahl von nur 3200 Touren. Ergebnis: Die TDI arbeitet sehr elastisch, kann trotzdem drehen, orgelt wenn’s sein muss bis hinauf auf 4800 Touren. Wobei sol-che Kletterpartien bei dieser Leistungsvariante wenig bringen. Fällt die Drehzahl in Niederungen von knapp mehr als 1000 Touren, dann schüttelt sich die Maschine ein wenig, rumort verärgert. Da machen sich die fehlenden Ausgleichswellen bemerkbar, die spart sich VW beim Transporter in dieser Leistungsstufe.


Dies gilt ebenso für ein Sechsganggetriebe. Anfangs startet der Fahrer außerorts immer wieder den Versuch, vom fünften einen weiteren Gang hochzuschalten, doch da ist nichts. Generell aber haben die Ingenieure die Schaltbox gut ab-gestimmt. Der erste Gang knackig kurz zum Anfahren am Berg, im Fünften geht’s dann im gestreckten Galopp mit 3500 Touren bei Tacho 170 über freie Strecken, sofern es die Regeln erlauben. Objektiv ist der Transporter auch dann nicht laut, aber er klingt lärmig. Da sind sie wieder, die Rockröhren Nannini und Springsteen.

Während anderen Rockmusikern ein Hang zu eher ungezügelten Trinksitten nachgesagt wird, entpuppt sich der VW als wahrer Knauser. Voll ausgeladen begnügte er sich mit nur 7,6 Liter/100 km auf der anspruchsvollen Teststrecke – neuer Rekord für seine Klasse. Trotz Großstadtgewühl, anspruchsvollen Land- und Bundestraßen, trotz Autobahn mit Vollgasanteil. Und trotz fehlendem sechstem Gang. Hut ab. Und wer den T6.1 auch mal leer und eher gemütlich fährt, der kann ihn sogar unter sieben Liter drücken. Entsprechend niedrig fällt der Ad-blue-Konsum aus, beim Testwagen kaum mehr als 0,1 Liter/100 km, vernachlässig-bar. Macht trotz kleinem Behälter mehr als 10 000 Kilometer Reichweite.


Gar nicht mehr sparsam ist der Transporter beim Blick auf die Serienausstattung. Zentralverriegelung mit Fernbedienung, elektrische Fensterheber, elektrisch verstellbare Spiegel, zweifach verstellbares Lenkrad, Radio, ein Airbag auch für den Beifahrer, abschließbares Fach für die Doppelsitzbank, Start-Stopp-Anlage – neue Zeiten, alles drin und dran. Fast wird die Aufpreisliste überflüssig, sie dient der Individualisierung für den jeweiligen Job.

Davon hat VW beim Cockpit Abstand genommen, seine Grundform ist nun für sämtliche Ausführungen des T6.1 einheitlich, abgesehen von Schmuck für fei-ne Varianten. Das heißt für den Transporter als Nützling: etwas schlichtere aber sehr funktionelle Instrumente, angespitzte Luftdüsen und ein hohes Niveau von Material und Verarbeitung. Nur die Fahrerhaustüren schließen scheppernd wie gewohnt. Hinzugekommen sind weitere Ablagen

auf der Armaturentafel. Im praktischen Format für DIN A4, jedoch mangels Abdeckung mit lästigen Spiegelungen in der Wundschutzscheibe. Erhalten geblieben ist das schmale Zollstockfach auf der Beifahrerseite, es trägt seinen Namen durchaus zu Recht. Ebenso das Hand-schuhfach, denn dort passt kaum mehr hinein – anders als in die praktischen Türfächer.

Ohnehin geht es im Cockpit nicht üppig zu – ist die Menschheit gewachsen, oder sind es die Ansprüche? Jedenfalls zwickt und zwackt es ein wenig. Dagegen hat der Transporter beim Thema Vernetzung und Assistenzsysteme einen mächtigen Satz gemacht.


Die Redaktion hat sie geprüft. Ein Glanz-stück ist der Spurwechselassistent: Er schaut sehr weit nach hinten, warnt unübersehbar mit kräftigen orange leuchtenden LED im Gehäuse der Außenspiegel – vorbildlich. Zuverlässig arbeitet der Flankenschutz. Die Sensoren bemerken sowohl Poller beim engen Abbiegen als auch Querverkehr beim rückwärtigen Rangieren aus Einfahrten – Schutzleisten könnten trotzdem nicht schaden. Die vielstufig einstellbare automatische Distanzregelung bremst den VW bei Bedarf sanft aber konsequent ein, beschleunigt bei freier Strecke zügig, meldet kreuzen-den Verkehr zuverlässig und lässt sich von ihm nicht irritieren.


Tadellos funktioniert die Verkehrszeichenerkennung, aber die Anzeige im Display ist arg mickrig. Der aktive Spurhalteassistent greift unauffällig aber effizient ein, besser als vor längerer Zeit im Crafter. Die Rückfahrkamera zeigt präzise, wo’s lang geht. Zusammen mit der Silhouette aus Vogelperspektive füllen allerdings diverse Linien den Bildschirm. Zu viele, denn schlanke Hindernisse wie Pfosten verschwinden im Liniengewirr. Gut also, dass der Transporter zusätzlich akustisch sowie mit einem Bremsruck vor Hindernissen warnt. Licht und Schatten bietet der Parklenkassistent. Zwar erkennt er Lücken gut, steuert den Transporter zügig und gekonnt hinein. Aber wenn er sich an der Flanke des Vordermanns zur Straße orientiert, kann‘s peinlich enden: Hinter einem schlanken Pkw steht der VW mit den rechten Rädern auf dem Bordstein, hinter einem Lkw einen halben Meter davon entfernt.


Pluspunkte erarbeitet sich der VW wie gewohnt im Kapitel Bedienung. Konservativ sind Zündschlüssel und Handbremshebel. Die Sitze fallen bequem aus, die Außenspiegel üppig. Rechts aber verschwinden Spurnachbarn im toten Winkel – wo ist das Weitwinkelglas? Das kann auch der vorbildlich agierende Spurassistent nicht ersetzen.

Fortschrittlich ist die Lenkradtastatur, Fahrer finden sich in den wesentlichen Funktionen schnell zurecht. Ein Kapitel für sich schlägt VW mit dem großen Display rechterhand auf. Im Unterschied zu den meisten Transportern neigt es sich im T6.1 höflich zum Fahrer, lässt sich daher sehr gut ablesen. Die unkomplizierte Menüführung gibt keine Rätsel auf, vorbildlich ist die Aktivierung von Assistenzsystemen anhand einer simplen grafischen Darstellung. Außerdem lässt der Transporter mit sich reden. Auf den Zuruf „Hallo Volkswagen“ folgt prompt die Frage: „Was möchten Sie tun?“ Danach geht es bei der Navigation, etwas langsam und kompliziert vorwärts. Vergessen wir Chauvi-Sprüche über kartenlesende Beifahrerinnen, denn die Abfolge verhindert Fehler und Missverständnisse. Auch ist die Damenstimme im Off zum Glück nicht übertrieben geschwätzig.


Eine Etage tiefer verbindet das gelungene Fahrwerk Klassik und Moderne. Leer fährt sich der VW straff, mit Beladung sehr komfortabel. Dann irritiert allenfalls die deutliche Seitenneigung in Kurven. Dort erreicht der Transporter ohne Sicherheitseinbußen enorme Kurvenge-schwindigkeiten – weit höhere, als es Fahrer und Fracht guttun. Moderne Zeiten sind mit der elektromechanischen Lenkung eingezogen. Sie spart ein wenig Kraftstoff und bietet vor allem die Basis für zahlreiche Assistenzsysteme. Die Abstimmung ist prima: Ob Lenkunterstützung bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Präzision oder Fahrbahngefühl – so muss es sein.

Schließlich fällt der Blick in den nahezu unveränderten Laderaum. Sein Volumen leidet ein wenig unten dem Einzug der Wände, aber das ist seit 16 Jahren unverändert. Als Dreitonner ist die Nutzlast von 1080 Kilogramm angemessen. Und die Funktionalität kennt keinen Tadel, vielleicht abgesehen von der nur federbetätigten Verriegelung der geöffneten Schiebetür. Trittstufe an der Seite, große und kräftige Zurrösen, eine LED-Beleuchtung, halbhohe Seitenverkleidung, ausgekleidetes Dach. Da fehlt nicht viel, je nach Einsatz der beschichte

te Holzboden oder seitliche Zurrschienen.

So ist das mit erfahrenen Profis wie dem T6.1, bei dem es sich eigentlich um einen seit vielen Jahren fortlaufend weiterentwickelten T5 handelt: Wenn‘s drauf an-kommt, dann zeigen sie’s dem Nach-wuchs nochmals so richtig. Ob Bruce Springsteen, Gianna Nannini oder der VW T6.1

Etwas mehr Chrom, ein größerer Lufteinlass, neue Scheinwerfer: Wer den T6.1 erkennen will, muss genau hinschauen.

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