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Feiner Zwirn

Still und leise hat der Sprinter mit Hinterradantrieb neue Dieselmotoren erhalten. Er gilt als Blue Chip unter den Großen seiner Spezies – jetzt hat er sich außen und innen feingemacht.


Mercedes-Benz Sprinter Van

Bulliger Auftritt: Sprinter mittellang und mittelhoch mit stimmigen Proportionen in edler gedeckter Lackierung


Auf der Haut trägt er den maßgeschneiderten dunkelblauen Ausgehanzug. Der sitzt perfekt, faltenfrei, mit stimmigen Proportionen. Heute aber geht es nicht um Äußerlichkeiten, wir schauen hinter die Kulissen. Bereits die Theorie klingt appetitlich, denn unter der schweren Motorhaube steckt nun feinste Technik. Vorbei ist’s mit dem hemdsärmeligen Diesel namens OM 651, jetzt hält der OM 654 Einzug. Sozusagen edles Garn statt kratziger Wolle. Da wäre ein Aluminium-Motorblock, kombiniert mit Stahlkolben und einer aalglatten Beschichtung der Kolbenwände. Der Sprit schießt mit bis zu 2.500 bar in den neu geformten Brennraum. Was hinten rauskommt, das reinigt eine Kombination von Hochdruck- und Niederdruck-Abgasrückführung und ein doppelter SCR-Kat. Ach ja, da wären hier 150 PS Leistung und 340 Nm, hier gut portioniert vom sehr weit gespreizten Automatikgetriebe. Die neue Antriebseinheit ist indes so neu nun auch wieder nicht, denn Maschine und Getriebe haben sich in den Pkw mit Stern seit Jahren bewährt, ist also gut trainiert.


Beide müssen ordentlich ran, denn auf der Antirutschmatte im Frachtraum lagern 12 Kunststoffkisten mit zusammen 157 bleigefüllten Säckchen à 5 kg und weiteren 21 Säcken à 10 kg. Ergibt eine Tonne Ballast, gut gesichert mit Sperrbalken vorn, einem straff gespannten Netz oben sowie drei strammen Zurrgurten drumherum. Den Sprinter stört dies nicht, kerzengerade und mit durchgestrecktem Rücken steht das Modell mit Hinterradantrieb da. Trittstufen seitlich und hinten führen zum hochgelegenen Boden, Haltegriffe sichern die Kletterpartie. Die geöffnete Schiebetür arretiert unbeirrt. Flutlicht per LED-Lichtleisten, geschützt in Kanälen verlegte Kabel, verschiebbare Kunststoffböcke in der Trittstufe für Längsbeladung mit Paletten, geschickt überbaute Radkästen, jede Menge Airline-Schienen, zehn handfeste Zurrösen – Mercedes weiß, wie man Transporter baut.


Mercedes-Benz Sprinter Van Laderaum

Hoher Ladeboden mit seitlicher Trittstufe und Palettenstützen für Längsbeladung und volle Ausnutzung des Laderaums


Und wie man Geschäfte macht: Viele der praktischen Details kosten extra. Als Ballast kommen ein nicht ganz leichtgewichtiger Fahrer und dessen Utensilienkoffer hinzu. Die Tanks von Diesel und AdBlue sind bis Oberkante Unterlippe gefüllt. Macht ziemlich genau 3,5 t Testgewicht.


Auf ebenem Geläuf schickt das Getriebe den Diesel gern in den unteren Bereich des maximalen Drehmoments, schaltet hoch in Segmente um 1.500 Touren. Die Maschine steckt das lässig weg. Selbst bei niedrigeren Drehzahlen schüttelt sie sich nicht verärgert, kennt auch nicht das aus früheren Modellen bekannte Wummern der Kardanwelle. Das Getriebe verschleift die Gänge beim Wechsel souverän, Schaltungen sind am Motorgeräusch und den Zuckungen des Drehzahlmessers zu bemerken. Nur wenn’s knifflig wird, zB in der Tempo 30-Zone bergauf als Hindernisparcours plus Gegenverkehr, dann schaltet die Automatik mitunter etwas aufgeregt ruppig. Sehr unauffällig funktioniert Start-Stopp, geschickte Fahrer steuern die Anlage mit Dosieren des Bremspedals. Leise und gelassen gleitet der Sprinter durch die Häuserschluchten. Ungepflegte Fahrbahnen filtert das flauschige Fahrwerk souverän. Übrigens auch unbeladen, dann kommen allenfalls kurze Stöße leicht durch.


In der Stadt profitiert der Sprinter mit Hinterradantrieb von seiner Wendigkeit. Während Kollege Fronttriebler noch umständlich rangiert, hat er schon mühelos auf der Hinterhand gedreht und flutscht durch Engstellen. Dort zeigt der riesige teure Monitor heikle Situationen aus der Vogelperspektive, eine Wonne beim Hin und Her sowie sinnvoller Schutz vor den typischen Schäden an Schwellern und Stoßecken. Springt der Paketdienstler schnell raus und wieder rein, hat er im Cockpit freie Bahn: Die elektronische Feststellbremse beschränkt sich auf eine Taste, der Getriebewählhebel sitzt am Lenkrad. Die elektrische Lenkung reagiert bei niedrigem Tempo leicht und präzise, allerdings auch gefühllos. Gewöhnung verlangt die Bedienung, jedenfalls bei reichlich Assistenzsystemen an Bord: Tasten drücken, wischen, scrollen – Mercedes eben. Ebenso wie MBUX mit seiner freundlichen Damenstimme. Sie arbeitet im Transporter indes nur in Teilzeit: Die mündlich ausgesprochene Bitte zur Verstellung der Innentemperatur weist sie ab – ein Zeichen von Emanzipation?


Mercedes-Benz Sprinter Van Motorisierung

Unter der schweren Motorhaube stecken beim hinterradgetriebenen Sprinter feine Dieselmotoren der neuen Generation.


Exakt 8,7 l/100 km genehmigt sich der beladene Mercedes auf der anstrengenden Stadtrunde einschließlich sanftem Vorortverkehr. Ein guter Wert, sogar günstiger als die Normangaben nach WLTP. Freundlich bewertet der Sprinter die Fahrweise und verteilt Bonuskilometer bei Wohlverhalten an den Pedalen. Hier sind’s genau 13,6 nach 36 km, gut gelaufen also.


Der Kontrast heißt Autobahn, zunächst gelassen mit 120 Sachen. Das entspricht dank der großen Spreizung des Getriebes etwa 2.100 Umdrehungen. Die Fahrgeräusche sind niedrig, gute Voraussetzungen für eine entspannte Langstrecke. Ursache sind u. a. dicht schließende Türen, die mit Macht zugeworfen werden müssen. Das sehr komfortable Fahrwerk schluckt Unebenheiten souverän. Zwar wiegt sich der Sprinter bei heftigen Spurwechseln tief in den Federn und neigt sich zur Seite wie ein Schiff in schwerer See, fängt sich aber sofort wieder. Etwas zackig reagiert der Abstands-Assistent, das können Fahrer mit Augenmaß weit sanfter. Der Spurhalte-Assistent warnt pünktlich und greift zur Not ein. Der Totwinkel-Assistent dürfte den Überholverkehr ruhig etwas früher anzeigen.


Generell aber kann es sich der Fahrer im vielfach verstellbaren Sitz bequem machen. Die üppige Polsterung gibt gleichzeitig viel Halt – klasse. Die Trennwand ist mit Stoff ausgeschlagen, Kleiderhaken sitzen an den richtigen Stellen. Zusammen mit reichlich Platz – auch im Fußraum – und diversen Ablagen entpuppt sich der Sprinter als ausgezeichneter Langstreckler.


Mercedes-Benz Sprinter Van Innenraum

Unterwegs schaltet das Getriebe an leichten Steigungen etwas übereifrig zurück, erst recht beim Wiederbeschleunigen nach Geschwindigkeitsbegrenzungen, dann geht’s etwas nervös gleich mehrere Gänge hinunter. Der Verbrauch von 10,6 l/100 km ist auch angesichts der hochgewachsenen Karosserie akzeptabel, unterbietet abermals die Norm. 19,5 Bonuskilometer vergibt der Sprinter, nicht schlecht für 67 km.


Wagen wir einen Abstecher über die Grenze für einen gestreckten Galopp. 160 Sachen rennt der Sprinter nach einigem Anlauf, dreht dabei im höchsten Gang nicht mal 3.000 Touren. Der Motor hält sich auch jetzt im Hintergrund, der Wind rauscht um die Karosserie, es bleibt ruhig an Bord. Bonusmeilen gibt’s bei Dauervollgas nicht, die Verbrauchskurve im großen mittigen Display verläuft konstant am Anschlag. Der Mercedes genehmigt sich jetzt 14 l, aber ein Schnitt von 125 Sachen ist aller Ehren wert. Die nächste Bonusgutschrift folgt auf der zweiten Hälfte der Etappe mit Geschwindigkeitsbegrenzung.


Es folgt eine Landpartie, gut gemischt mit viel Auf und Ab, Ortsdurchfahrten, engen Kurven, Rollstrecken. An Steigungen gibt sich das Getriebe mitunter unentschlossen, traut dem Drehmoment des Motors nicht so recht. Die Maschine schreit dann bei hohen Drehzahlen etwas verärgert hell auf, typischer Mercedes-Klang. Also Eingriff per Schaltpaddel am Lenkrad, Ruhe bitte. Andererseits meistert die Automatik Kreisverkehre und andere Stellen mit schnell wechselnden Tempi gekonnt, verhaspelt sich nicht, trotz der neun Gänge.


In flotten Kurven legt sich der Transporter trotz tiefer Ladung schwer auf die Seite. Fährt der Fahrer keine saubere Linie, bremst ihn das ESP rigoros aus. Nein, ein Kurvenräuber ist der Mercedes nicht, der hier schwerfällig wirkt. Und etwas unaufmerksam, jedenfalls der mitunter schludrige Verkehrszeichenassistent. Trotzdem gibt’s 15 Bonuskilometer auf 67 km Strecke, der Verbrauch von 10,2 l ist eher durchschnittlich, nach Norm wären es knapp 2 l weniger.


Prompt liegt dann auch das Gesamtergebnis von 10,3 l drüber, mit Winterreifen und bei kühlen Temperaturen. Dabei quittierte die Technik auf 255 km langer Strecke immerhin 75 Bonuskilometer, kann daher nicht so schlecht gewesen sein. Ein Knauser ist der Sprinter also auch mit der neuen Maschine nicht. Aber er fährt noch ruhiger, souveräner und damit komfortabel wie nie, durchdacht bis in die letzte Fuge der soliden und gut verarbeiteten Karosserie ist er ja ohnehin. Kein blaues Wunder also. Aber auf jeden Fall der Blue Chip unter den großen Transportern. Wie wär’s jetzt mit einer Fahrt ins Blaue?


 

Technische Daten: Mercedes Sprinter 315 CDI


Maße und Gewichte

Länge gesamt: 5.932 mm

Breite gesamt: 2.020 mm

Breite über Außenspiegel: 2.345 mm

Höhe gesamt: 2.645 mm

Radstand: 3.665 mm

Wendekreis: 13,4 m

Laderaum (L/B/H): 3.272/1.787/2.009 mm

Ladevolumen: 10,5 m³

Leergewicht Testwagen: 2.320 kg

Nutzlast: 1.180 kg

Zulässiges Gesamtgewicht: 3.500 kg



Messwerte

Beschleunigung:

0–50 km/h 4,7 s

0–80 km/h 10,5 s

0–100 km/h 15,7 s


Elastizität:

60–80 km/h (Kickdown) 5,1 s

60–100 km/h (Kickdown) 10,5 s

80–120 km/h (Kickdown) 14,4 s


Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h


Innengeräusche:

Stand/50/80/100 km/h: 45/61/64/67 db(A)

Vmax: 72 dB(A)


Kraftstoffverbrauch:

Normverbrauch innerorts/außerorts/kombiniert: 7,1/7,2/7,3 l/100 km

CO2-Emission kombiniert: 190 g/km

Teststrecke beladen: 10,3 l/100 km

Testverbrauch min./max.: 8,7–14,1 l/100 km

Testverbrauch AdBlue: 0,27 L/100 km über Gesamtfahrstrecke




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