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Stromer aus dem Baukasten

Langer Anlauf, gelungener Sprung zum E-Transporter.


Renault Trafic E-Tech Testfahrt

Welch ein Kontrastprogramm: Flüsterleise schnurrt der vollelektrisch angetriebene Renault Trafic E-Tech in den Hof der Firma. Der Patron gibt sich knurrig-knorrig, ist Herr ausgerechnet einer Niederlassung eines Lieferanten von Holzscheiten und Pellets. Am Rande des Firmengeländes lagert ein halbvergessener schrottiger Fuhrpark von vorgestern. Nun veredelt der nagelneue E-Transporter fürs Foto das rustikale Ambiente.


Es hat gedauert bis zu diesem Moment, manche Dinge müssen reifen. Wie ein guter französischer Käse oder Wein. Oder ein E-Transporter? Der Trafic E-Tech jedenfalls hat einen langen Anlauf genommen. Ausgerechnet auf der Freizeitfahrzeugmesse Caravan-Salon in Düsseldorf war er vor zwei Jahren erstmals zu sehen. Mit seinem Auftritt auf der IAA vor einem Jahr pirschte er sich einen weiteren Schritt heran. Nun ist der Stromer endlich angekommen, Renault komplettiert sein E-Angebot nach Kangoo Rapid E-Tech und Master E-Tech, avanciert zum Vollsortimenter.


Das lange Reifen des elektrisierten Trafic verblüfft umso mehr, als Renault in Sachen Antrieb und Batterie auf bewährte Komponenten zurückgreift. Der Akku mit überschaubarer Kapazität von 52 kWh arbeitet bereits im größeren Master E-Tech. Die E-Maschine mit 90 kW (122 PS) und 245 Nm Drehmoment summt im kleineren Kangoo Rapid E-Tech. Macht je nach Betrachtungsweise das Beste aus zwei Welten: einen Transporter, der die Technik seiner Geschwister aufträgt, oder einen perfekten Baukasten.


Geladen wird anfangs nur an der Wallbox mit 11 oder 22 kW, ein Schnelllader mit eher knapper Leistung von 50 kW wird folgen. Die Steckdose findet sich unten auf der Fahrerseite an der B-Säule an der klassischen Transporter-Tankposition, das passt nicht überall. Trotz vergleichsweise bescheidener Batterie nennt Renault nach WLTP-Norm eine Reichweite von knapp 300 km. Hinter der optimistischen Angabe steckt u. a. eine Tempobegrenzung des Stromers auf 110 Sachen. Nochmals rund 10 % Reichweite gewinnt der Renault mit einer weiteren Reduzierung, er ist dann jedoch mit maximal 90 km/h recht matt unterwegs. Das passt für die Stadt und das Umland, indes steht er damit auf der Autobahn in Konkurrenz zu drückenden Lkw mit Schwungspitzen.


Vorteil der kompakten Batterie ist eine appetitliche Nutzlast, der Kastenwagen schultert angesichts von 3,1 t zulässiger Gesamtmasse im Bestfall beachtliche 1,1 t, ergänzt von gut 900 kg Anhängelast.


Nun aber wird’s Zeit, dass der Baukasten-Transporter zeigt, was er kann. Die Bedienung ist denkbar einfach: Tastendruck zum Start, Fahrtrichtung mit einem klassischen Wählhebel aussuchen und die inzwischen schon etwas altmodisch anmutende mechanische Handbremse lösen. Gelassen nimmt der Renault Fahrt auf. Ihm geht die Explosivität manch anderer E-Transporter ab, er muss nicht gezügelt werden. Wer es nicht eilig hat oder leer unterwegs ist, drückt die Eco-Taste. Sie reduziert die Motorleistung von 90 auf 60 kW und spart Strom. Große Instrumente informieren über den wesentlichen Stand der Dinge. Sie zeigen, wie ästhetisch und perfekt ablesbar herkömmliche analoge Anzeigen sein können. Herkömmlich ist auch der Umgang mit der Klimatisierung: drei Drehregler, wenige Tasten – danke dafür, dass sich hier nichts in Menüs versteckt.


Der mitsamt Beifahrern zur Hälfte befrachtete Testwagen wiegt sich sanft, aber nicht zu weich in den Federn. Und, anders als von Renault gewohnt, die elektrische Lenkung ist straff und mit Zug abgestimmt. Die Rekuperation kennt keine Wahlmöglichkeiten, erinnert an die gewohnte Bremswirkung bei eingelegtem Gang, das passt. Im Ergebnis fährt sich der Trafic E-Tech angenehm unspektakulär und geschmeidig, ist nicht im Mindesten gewöhnungsbedürftig. Nicht einmal lästige Sing- oder Pfeifgeräusche aus Richtung Motorraum sind zu vernehmen. Gelassenheit kehrt ein an Bord. Der Trafic E-Tech gehört auf der Straße zu den legalen und hochwillkommenen Beruhigungsmitteln.


Dazu trägt auch die umfangreiche Ausstattung bei. Klimaanlage, diverse elektrische Heinzelmännchen, Radio mit Freisprecheinrichtung, vielfach verstellbarer Fahrersitz und zweifach verstellbares Lenkrad, LED-Scheinwerfer, Zurrösen im Laderaum auch auf halber Höhe – das heißt einsteigen und losfahren. LED-Licht im Laderaum kostet indes extra. Hinzu kommen gängige Assistenzsysteme.


Als einer der Routiniers seiner Klasse überzeugt der Franzose mit manch praktischer Lösung. Da wäre zB zum Verstauen überlanger Gegenstände eine Durchlademöglichkeit mittels zweier Katzenklappen in Trennwand und Beifahrer-Sitztruhe bis nach vorne in den Fußraum. Rohre, Teppichrollen oder was auch immer dürfen in der Langausführung des Renault daher knapp über 4 m messen. Oder die einfache und saubere Erweiterung der Hecktüren von 90° auf 180° Öffnungswinkel und die geschickte Ablage auf der Rückseite der Lehne des Mittelsitzes im Cockpit, auch üppige Wartungsintervalle von bis zu zwei Jahren oder 40.000 Kilometern zählen zu den Vorzügen. Weniger angenehm sind die mickrigen Außenspiegel.


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