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Gute Kurzversion?

Test: VW Caddy Cargo. Der rundum neue Kastenwagen macht vieles anders als sein langjähriger Vorgänger.

Tief geht der Caddy Cargo in die Knie, als der Baustoffhändler mit dem Stapler die Palette mit drei Lagen à sechs Sack Bodenausgleichsmasse absetzt, doch der VW knickt nicht ein. Weiter vorn von Hand noch zwei Gebinde Zementestrich à 40 kg hineingewuchtet – passt. Der handfeste Fachmann mustert den Caddy Cargo interessiert: „So einen überlege ich mir auch. Am besten ohne jede Elektronik.“ Pech gehabt, mehr Elektronik als beim Caddy Cargo gibt’s in dieser Liga gerade nicht, denn er nutzt die Plattform des aktuellen VW Golf.


Optisch tritt der Caddy Cargo jedoch ganz anders und eigenständig auf. Das klar gegliederte Heck mit schmucken schlanken Rückleuchten oben ist die Schokoladenseite. Unten mündet der Auspuff verdeckt. Wenn VW schon keinen Caddy als Stromer baut, so versteckt man die Verbrennertechnik wenigstens. Die Wände sind nicht mehr babypopoglatt, die Führung der Schiebetür wirkt rustikal. Das hat man schon eleganter gesehen – die Kosten. Der Bug ähnelt einer Schichttorte: unten ein engmaschiger Grill, mit etwas Abstand darüber Haifischzähne, dann nach einem weißen Streifen die Ebene der Scheinwerfer mit schicker dunkler Blende als Verbindung – recht viel Mummenschanz angesichts der traditionell klaren VW-Linien.


Egal, ein Lieferwagen muss vor allem gut und günstig sein. Gut, das heißt hier zunächst mal eine zweidrittel Tonne Nutzlast, dazu als Reserve reichlich Anhängelast und ein hohes Gesamtzuggewicht. Die Schiebetür mit optionaler Zuziehhilfe gleitet leicht und ohrenschonend ins Schloss. Durchs Heckportal zirkelt ein Könner auf dem Staplersitz mit gutem Augenmaß zwei Paletten quer hinein, links und rechts bleiben knapp 2 cm, also eine Verkleidung besser sparen. Die Ladelänge ist trotz oben ausgebuchteter Trennwand so bemessen, dass auf beide Paletten ordentlich was draufpasst. Langmaterial begrenzt VW indes auf rund 1,80 m, da eine optionale Verlängerung mit Katzenklappe bis ins Cockpit nicht vorgesehen ist. Vom Vorgänger übernommen hat der Caddy Cargo die fummeligen Aufsteller der Hecktüren. Beim Testwagen verdrückten sich die Bügel an den Türen nach dem ersten Entriegeln und erneutem Schließen auf Nimmerwiedersehen in die Türblätter – dabei ist die Verarbeitung des Caddy Cargo generell tadellos.


Das wird im gut gearbeiteten und weitgehend komplett ausgestatteten Cockpit deutlich, nachdem die Fahrertür etwas blechern ins Schloss gefallen ist. Es geht hier ein bisschen düster zu, aber die fahrerseitig elegant gewölbte Armaturentafel ist ein Schmuckstück: Sie schafft Raum, sowohl für Langbeiner als auch für all die Siebensachen, die sich ansammeln. Zeitung, DIN-A4-Klemmbrett – ab in die Ablage oben links auf dem Cockpit. Rechts wartet das VW-typische schlanke Zollstockfach. Dazu Handschuhkasten, große Türablagen, die geräumige Mittelkonsole für viel Kleinkram plus Steckdosen – die E-Handbremse hat Platz gemacht, vorbildlich. Die Dachgalerie dagegen könnte sich VW sparen: Sie schränkt den Kopfraum ein und der Fahrer langt kaum ran. Nach hinten begrenzt eine Trennwand aus Kunststoff das Fahrerhaus, nicht so unangenehm kalt wie Blech und obendrein leiser. Oben ragen außen und mittig vier Kleiderhaken heraus, VW hat an alles gedacht. Auf Wunsch lädt hier außerdem eine 230 V-Steckdose den Laptop. Der parkt in der Pause auf der Lehne des umgeklappten Beifahrersitzes, ausgearbeitet als Tisch mit Ablagen und Spanngummi.


Dann gibt’s noch einfache aber übersichtliche Instrumente. Und eine Bedienung, die traditionelle VW-Vorzüge konterkariert. Von wegen einsteigen und losfahren. Da wäre linker Hand ein fummeliges Tastenfeld fürs Licht. Weitere Alltäglichkeiten werden rund um das Display in der Mittelkonsole eingestellt, etwa Temperatur und Lautstärke über umständliche Tipptasten. Wer aufs Signet für die Sitzheizung drückt, bekommt kein warmes Gesäß, sondern landet zunächst auf der nächsten Oberfläche. Wer das Gebläse regeln will, die Umluftklappe schließen oder die Klimaanlage anwerfen, muss erst eine Taste drücken, um zur passenden Oberfläche des Bildschirms zu gelangen. Das alles lenkt ab und verlangt Hinschauen. Diese komplizierte Tasterei kann kein Autofahrer erfunden haben, hier war ein Computer-Nerd zugange. Einzig die Bedienung der Assistenzsysteme überzeugt, da ohne große Worte und mit Bild selbsterklärend.


Am Steuer verliert die Umstandskrämerei an Gewicht, denn hier gilt endlich wieder: ein VW ist ein VW ist ein VW: Die sanft gepolsterten Sitze vermitteln guten Halt und bieten Langstreckenkomfort. Die Lenkung mit direkter Übersetzung agiert präzise, bei hohem Tempo fast schon etwas spitz. Das Fahrwerk arbeitet narrensicher, der Caddy Cargo entpuppt sich als wahrer Kurvenkratzer. Nach vier Jahrzehnten blattgefederter starrer Hinterachse hat VW dem Caddy Cargo eine hochwertigere Konstruktion spendiert. Zwar starr, aber erstmals schraubengefedert, an vier Längslenker geführt, ein Panhardstab stabilisiert. Unbeladen benimmt sich der Caddy auf gut gebügelten oder welligen Fahrbahnen sehr zivil – zeigt nur bei kurzen Unebenheiten Härte. Fracht steckt er prima weg, obwohl die Federn unter Beladung tief eintauchen. Nun filtert der Caddy Cargo Stöße aller Art gelassen, liegt selbst bei forcierter Fahrweise stabil, kennt kaum lästige Seitenneigung.


Zahlreiche Assistenten befördern den Kastenwagen auf Wunsch zum leitenden Angestellten im Fuhrpark. Perfekt und vorausschauend warnt der Spurwechselassistent, unübersehbar sind seine gelben Warnleuchten im Gehäuse der Außenspiegel. Dienst nach Vorschrift erledigt die automatische Distanzregelung. Meist angemessen sanft reagierend, bremst sie den Caddy rüde bis zum Sicherheitsabstand ein, wenn ein Vordermann plötzlich einschert. Ein Fall für nur hohen Langstreckenanteil. Die Umfeldbeobachtung warnt vor plötzlichen Hindernissen. Auf kurvigen Landstraßen kann es bei Gegenverkehr in seltenen Fällen Fehlalarm geben. Die Verkehrszeichenerkennung ist ebenfalls hilfreich, Fehlanzeigen liegen an unglücklich aufgestellten Schildern. Die Eco-Fahrempfehlung kennt vorausliegende Kreisverkehre und Stoppstellen, mahnt frühzeitig zu Fuß vom Gas. Nun ja. Die Reifenkontrollanzeige führte beim Testwagen ein Eigenleben. Mehrfach warnte sie trotz korrektem Druck bei warmen Reifen vor Luftverlust und gab sich nach Tipp auf die Kontrolltaste wieder mit den Werten zufrieden.


Als Nervensäge entpuppte sich auf Landstraßen der hyperaktive und nicht justierbare Spurhalteassistent. Fortlaufende Eingriffe bei Kurvenfahrt, Gegenbewegungen, wenn der Fahrer auf schmalen Straßen Verkehr ausweichen muss, dazu mehrfach unwillkürliche Eingriffe ohne ersichtlichen Grund. Laut Betriebsanleitung ist der Assi für Autobahnen und gut ausgebaute Landstraßen geeignet. Stimmt, anderswo ist er mit seinem Ungestüm ein Ärgernis. Die Sprachsteuerung verhindert gefährliche Navi-Tipperei, reagiert aber mitunter etwas schwerhörig. Also alles wie im richtigen Leben, der Nutzen von Assistenten ist hoch – aber unterschiedlich.


Unter der Motorhaube des Caddy Cargo steckt ein guter Bekannter: VW hat sich beim TDI generell auf 2 l Liter Hubraum festgelegt. Das spart Kosten und deckt ein sehr breites Leistungsspektrum ab. Hier arbeitet die mittlere Ausführung mit 75 kW (102 PS). Diese Zahlen sind vom Vormodell bekannt, beim Drehmoment aber hat der Diesel um gut 10 % auf 280 Nm zugelegt. Ein Blick auf die dazugehörigen Drehzahlen lohnt: höchste Leistung bei 2.750 bis 4.250 Umdrehungen, maximale Zugkraft von 1.500 bis 2.500 Touren. Also runter mit der Drehzahl, der Caddy lässt sich in den unteren Gängen gelassen und doch kraftvoll ab gut 1.000 Umdrehungen bewegen, spricht munter aufs Gas an. Zwar dreht die Maschine auf Befehl bis fast 5.000 Touren hinauf, doch derlei Drehorgien sind angesichts der guten Kraftentfaltung auf halber Höhe überflüssig.


Im Unterschied zum Vorgänger portioniert jetzt ein Sechsganggetriebe die Kraft. Es ist weit gespreizt und geschickt gestuft, das bedeutet knackiges Anfahren auch beladen am Berg sowie rückwärts, gleichzeitig entspannte Langstrecken. Anzukreiden ist dem VW allenfalls eine gewisse Mattigkeit in der höchsten Stufe an Steigungen, doch wer will sich angesichts von nur etwa 1.700 Umdrehungen bei Tempo 100 darüber beschweren? Zumal der folgende Gangwechsel dank kurzer und präziser Wege mehr Vergnügen als Arbeit bedeutet.


Im Vergleich zum Vorgänger liegen die Fahrleistungen des VW dank höherer Durchzugskraft und sechs Gängen eine ganze Klasse besser. Beim Verbrauch gibt er sich trotzdem keine Blöße: 6,2 l/100 km mit voller Beladung auf der anspruchsvollen Hausstrecke sind ein guter Wert. Zumal der Caddy dabei nicht nur deftige Steigungen erklimmen, sondern bei unseren Nachbarn auch auf einer Autobahn-Teilstrecke im gestreckten Galopp dahinfliegen muss. Mit weniger Stress ist eine Fünf vor dem Komma kein Problem. Ein Lob gibt’s für die Geräuschkulisse, da es für einen Kastenwagen an Bord erstaunlich leise zugeht. Damit einher geht die angenehme Laufkultur des dezent knurrenden TDI. Er steckt selbst Niedrigdrehzahlen ohne Murren weg. Das bedeutet unterwegs zusammen mit Lenkung, Fahrwerk und Sitzen eine sehr gepflegte Erscheinung.


Nach Ausschalten der Zündung verabschiedet sich der Caddy Cargo mit einem höflichen Gruß: „Auf Wiedersehen“. Aber vermutlich nicht beim Baustoffhändler – die Elektronik, wir ahnen es.



Messwerte


Höchstgeschwindigkeit: 173 km/h

Kraftstoffverbrauch: Normverbrauch NEFZ innerorts / außerorts / kombiniert: 5,9/3,8/4,5 l/100 km

CO2-Emission kombiniert: 119 g/km

Normverbrauch WLTP: 4,8–5,5 l/100 km

CO2-Emissionen: 127–145 g/km

Teststrecke beladen: 6,2 l/100 km

Testverbrauch min./max.: 4,9–10,0 l/100 km

Testverbrauch AdBlue: 0,14 l/100 km





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